Ureinwohner – povos indigenas – „indios“

 

 Indiosindios

 bewohnten vermutlich, bevor sie in Brasilien sesshaft wurden, jene Regionen Südamerikas, die nicht nur mit Urwald bedeckt waren. Das jedenfalls wird von einigen Migrationsforschern vermutet, von anderen bestritten.

Mit der Entdeckung Brasiliens im Jahr 1500 begannen Auseinandersetzungen der portugiesischen Eroberer mit den Indios. Sie waren Nomaden. Einige bauten Mais und Maniok an. Ab 1830, nach Einführung von Nutztieren, betrieb man auch Viehzucht. Einige Stämme wurden sesshaft. Im Allgemeinen aber durchstreiften indigene Völker das Land zum Jagen und Fischen.

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Die Buger, Bugres oder Bugios wie Botokuden im 19. Jahrhundert von deutschen Einwanderern genannt wurden, fühlten sich durch die neuen Bewohner gestört und verteidigten ihre Jagdgründe gegenüber diesen Eindringlingen bis in die Neuzeit. Auch die Siedler im Tal des großen Flusses Itajaí blieben nicht verschont.

Erschreckt flohen Blumenauer in ihre Häuser, wenn Botokuden auf der Pirsch in die Kolonie eindrangen. Neugierig, anfangs ohne Furcht und Angriffslust, betraten sie Stall und Haus, schauten dann und wann begehrlich in den Suppentopf auf dem Herd – und wurden bedient; die Kelle, sagt man, soll bedenklich gezittert haben in den Händen der Hausfrau.

Kariertem Bettzeug konnte kein Buger widerstehen. Sie zogen es ab, zerrissen das Inlett und bliesen leichte Federn spielerisch in die Luft. Eingehüllt in blaurotes Karomuster vollführten sie vor den Augen der schreckensstarren Siedler seltsame Reigen. Die Kinder, sorglos und unbeschwert, imitierten bald den Indianertanz und sangen „Es tanzt ein Biba- Butzemann in unserm Kreis herum widebumm.“

 Drangen Gruppen wild und bewaffnet aufs Gehöft, stiegen alle auf den Dachboden, zogen die Leiter hoch, verdeckten die Einstiegsöffnung und schauten angstvoll durch Astlöcher und Ritzen. Verschwanden Spaten, Sägen, Äxte, Gewehre und Munition, fehlten Futtermittel, packte viele Siedler Angst und Wut. Hörte man keinen Laut aus den Ställen, wusste jeder, dass auch das Vieh gestohlen war. Es sollte schlimmer kommen.

„Zwei kürzlich eingetroffene Kolonisten, beide Familienväter, wurden von den Bugern am hellichten Tag, kaum zwanzig Klafter (1 Klafter =1,9 m) vom nächsten Haus entfernt, überrascht und ermordet. Was ich bei meiner Ankunft an der Unglücksstelle sah, war schrecklich und vielleicht das Schmerzlichste meines ganzen bisherigen Lebens. Die Leichen der armen Ermordeten waren durch Axthiebe furchtbar verstümmelt, und die bedauernswerten Witwen warfen sich immer wieder über sie und richteten sich nur auf, um mich mit Schmähungen zu überhäufen: ich sei am Tod ihrer Männer schuld, ich hätte sie beschwatzen lassen, dass sie in ein so unwirtliches Land zogen wo man seines Lebens nicht sicher sei…“

schrieb Hermann Blumenau im Januar 1855. Er verlangte Schutz von der Provinzialregierung. Dort aber hatte man Nachrichten über ‚die Wilden’ tunlichst zurückgehalten, um mögliche Siedler nicht zu verschrecken.

Nicht immer waren Buger angriffslustig – nur konnten die Siedler nie erkennen, wann sie in friedlicher Absicht erschienen. Christine Blumenau, Tochter des Gründers, berichtete von einer bemerkenswerten Begebenheit aus den fünfziger Jahren in der Kolonie.

„So erzählte er (der Vater) uns auch, dass ein Küchenschrank, den wir darauf immer mit scheuem Interesse ansahen, sein Leben und das der Mitbewohner des Hauses rettete bei einem Bugerüberfall an der Velha. Während alle Leute noch Zeit hatten, sich auf den Boden zurückzuziehen, kamen die Buger ins Haus, durchsuchten die Räume und gingen auch an die Schränke; beim Öffnen dieses einen knarrte die Tür fürchterlich , und das flößte ihnen scheinbar Furcht vor einem Geist ein, worauf sie entflohen.“

Die Situation im Land

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Karte des Munizips Blumenau

 

Überfälle – Zahlen

Mit Bedacht hatten Provinzialregierungen Einwanderern Stammes –bzw. Durchzugsgebiete ungenau oder gar nicht aufgezeigt, mögliche Bedrohungen verharmlost – jedenfalls gegenüber jenen, die als Siedler zu Entwicklung und Aufbau des Landes erwünscht waren – wie die Deutschen. Doch auch sie wurden im portugiesisch geprägten Brasilien von einigen abgelehnt.

Auch waren Verachtung und Hass auf Povos Indígenas in Brasilien weit verbreitet. Dazu gehörte auch Rassismus schlimmster Art

Aus dem Munizip Blumenau (gesamtes Siedlungsgebiet, 11 000 km2, knapp viermal so groß wie das Saarland heute ((2570)) gibt es eine fast vollständige Aufzählung von Überfällen und Tötung von Siedlern.

Erster Angriff im November 1852 auf das Haus des Koloniegründers, der zufällig nicht anwesend war. Nachbarn vertrieben die Eindringlinge.

In einer Holzschneidemühle am ‘Kleinen Itajaí‘ (Nebenfluss) wurden 1855 zwei Arbeiter umgebracht, der Besitzer durch Pfeilschüsse schwer verwundet.

Im Jahre 1856 wurden zwei Siedler, wenige Monate vorher aus Deutschland eingetroffen, in Itoupava-Sêca ermordet. 1870 kamen vier Kolonisten am Rio do Testo und im Land (heute Pomerode), ein Siedler in der Garcia und einer in Benedito, ums Leben.

Mit zunehmender Einwandererzahl war für ‘Indígenas‘ mehr und mehr fette Beute möglich. Die Überfälle wurden zahlreicher und  – grausamer.

Erst 1877, nach mehreren Eingaben Blumenaus schickte die Provinzialregierung Aufsichtspersonal, sogenannte Pedestres (Waldläufer zu Fuß) in die Kolonie. Das waren Wachsoldaten mit Gewehr, überwiegend Indios. Von der Waffe aber durfte kein Gebrauch gemacht werden – also – schießen verboten! Wer hätte auch auf seine Stammesgenossen geschossen – auf Mitglieder feindlicher Stämme – schon eher!

Sicherheit gab es – trotz des Wachpersonals, das auch noch einem ‘Chef‘ unterstellt war –nicht. Die Zahl der Überfälle veränderte sich nicht.

In den Achtzigerjahren waren es bei rund 18 000 Einwohnern von Blumenau vergleichsweise wenige.

1883: zwei, 1884: einer, 1885: drei, 1889: drei.

1902 wurden schon sieben Siedler getötet.

Wohl in Notwehr und aus Wut setzten Kolonisten im Umland von Blumenau (Brusque und São Bento im Munizip Cresciuma) noch Anfang des 20. Jahrhunderts bewaffnete ‘Bugerjäger‘ (Indianerjäger(!) ein.

Diebe stahlen ‘nur‘ Waffen, Munition, Werkzeuge, Vieh und Lebensmittel.

Gefährlich wurde es, wenn Siedler sich zur Wehr setzten.

Denn der Wert des menschlichen Lebens wurde, überwiegend aber nicht ausschließlich, vonseiten der Povos indígenas anders beurteilt, als von jenen, die in der Tradition des christlichen Abendlandes lebten und das Gebot du sollst nicht töten befolgten – von Ausnahmen abgesehen (s.o.)

Am 11.11. 1911 berichtete die Blumenauer Zeitung von 43 Botokuden, die sich – noch nie sei derartiges geschehen – Kolonisten im Umland von Blumenau in friedlicher Absicht genähert hätten. Angeblich seien sie einige Tage zuvor durch einen Bugerjäger vom Friedenswillen der Siedler überzeugt worden. Diese Zusammenkunft wurde fotografiert. Der Häuptling war – gut erkennbar, sehr dick. Die Indios forderten Nahrungsmittel und Waffen, die sie normalerweise entwendet hätten, um die verfeindeten Coroados bekämpfen zu können.

Trotz dieser ersten dokumentierten friedlichen Begegnung von Siedlern und Indianern sollten noch drei Jahre bis zur beiderseitigen ‘Waffenruhe‘ vergehen, obwohl schon 1910 für ganz Brasilien ein Indianerschutzdienst (SPI) mit Wachposten an strategisch wichtigen Orten eingerichtet worden war.

Einer dieser Wachtposten, Deutsch-Brasilianer, wachte an strategisch wichtigem Ort nahe der Kolonie Blumenau. Er kannte die Sprache der Kaingangindianer. Der Mann schaffte es, diesen Stamm, der neben Botokuden und Coroados im Tal des Itajaí verbreitet war, nach einem letzten Überfall im Jahr 1914 zu friedlichem Miteinander zu bringen.

Zwischen 1852 und 1914 gab es im Munizip Blumenau 61 Angriffe. Dabei wurden 41 Kolonisten getötet und 22 verletzt. Hinzu kommen Überfälle in den umliegenden Siedlungsgebieten; gesamt: 60 Tote und 30 Verletzte. Die Zahl der getöteten Indianer ist nie aufgezeichnet worden.

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Spix/Martius Expeditionsbilder